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08.04.2026 | Julia Thiem

„Outsourcing wird in Zukunft eine größere Rolle spielen“

Interview mit Annett Müller 

Für den Einsatz einer verlässlichen KI im Gesundheitswesen muss die Basis stimmen – rechtlich, technologisch, aber vor allem mit Blick auf die Daten. Souveränität heißt hier das entscheidende Stichwort und um die zu erreichen, braucht es ein tiefes Verständnis der Dokumentationsprozesse, wie Annett Müller aus dem Health Information Management von DMI im Interview erklärt.

Frau Müller, KI im Gesundheitswesen ist in aller Munde, punktuell auch schon im Einsatz und die damit verbundenen Hoffnungen sind nicht nur innerhalb der Branche groß. Für einen wirklich verlässlichen Einsatz von KI muss allerdings die Basis stimmen. Wie bewerten Sie den Status quo in Deutschland?
Grundsätzlich positiv, beispielsweise mit Blick auf den rechtlichen Rahmen. Mit dem Gesundheitsdatennutzungsgesetz, dem AI Act der Europäischen Union, der aktuell in nationales Recht umgesetzt wird, oder auch dem Europäischen Gesundheitsdatenraum EHDS, für den die Verordnung im vergangenen Jahr in Kraft getreten ist, haben wir eine aus meiner Sicht umfassende und vor allem verlässliche Basis, auf die wir uns beziehen können. Und auch die Technologien sind vorhanden, sodass wir im Gesundheitswesen jetzt die Möglichkeit haben, Projekte zügig umzusetzen und Weichen zu stellen. Woran wir noch arbeiten müssen, sind die Dokumentationsprozesse. Gerade bei den Leistungserbringern sind die noch nicht immer vollständig digital abgebildet.
Sind es nicht aber genau diese Dokumentationsprozesse in der stationären und ambulanten Versorgung, aus denen die interessanten und auch für die KI relevanten Daten gezogen werden – für Abrechnungen, Forschung oder auch für die Versorgungssteuerung?
Ganz genau. Deswegen ist es elementar, sich diese Prozesse genau anzuschauen und gegebenenfalls ein Change Management anzustoßen. Das gilt aus meiner Sicht auch für das so wichtige Schlagwort der Datensouveränität, wo Outsourcing in Zukunft eine größere Rolle spielen wird. 
Denn gerade mit Blick auf die Qualifizierung, aber auch Qualitätssicherung, Speicherung, Übertragung oder Integration von Daten gibt es technologisch heute schon Möglichkeiten, die weder im Krankenhaus noch in der ambulanten Versorgung so schnell aufgebaut werden können – und zum Glück auch nicht zwingend müssen, Stichwort Software-as-a-Service. Der große Vorteil daran ist, dass weder die eigene IT personell noch die Infrastruktur belastet werden.

„Outsourcing wird in puncto Datenmanagement und -analyse an Bedeutung gewinnen, weil es einen großen Vorteil hat: In den Kliniken werden weder die eigene IT personell noch die Infrastruktur belastet.“

Annett Müller
Lassen Sie uns gleich noch einmal darauf zurückkommen und zunächst kurz beim rechtlichen Rahmen bleiben. Über den Gesetzesentwurf zur Umsetzung des AI Acts in deutsches Recht wird noch viel diskutiert, und auch im Rahmen des EHDS ist eine volle Interoperabilität etwa für elektronische Patientenakten, inklusive Bilddaten, Laborbefunden und Entlassungsberichten, erst ab 2031 vorgesehen. Macht es da überhaupt Sinn, jetzt schon in die Umsetzung zu gehen?
Aufgrund meiner Rolle als Vorsitzende des DVMD, des Fachverbands für Dokumentation und Informationsmanagement in der Medizin, kann ich berichten, dass wir bereits sehr intensiv mit dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte BfArM im Gespräch sind und den Dokumentenaustausch besprechen – also wie man dort die semantische Interoperabilität erreicht.
Damit will ich sagen: Die Gespräche und die Abstimmungen laufen jetzt, ansonsten wären die zeitlichen Vorgaben aus Brüssel nicht zu erreichen. Und das gilt für alle Leistungserbringer im Gesundheitswesen natürlich ebenso.
Weil Sie gerade das Stichwort semantische Interoperabilität bringen. Lassen Sie uns für ein besseres Verständnis doch kurz eine Abgrenzung zur syntaktischen Interoperabilität machen, um dann auf die Dokumentation und damit den Datenschatz zurückzukommen, den man im Gesundheitswesen auch dank KI nun heben kann und will …
Das ist in der Tat eine wichtige Unterscheidung und auch Überleitung zur verlässlichen KI. Die syntaktische Interoperabilität sorgt vereinfacht ausgedrückt dafür, dass Daten übertragen und strukturell gelesen werden können, während die semantische Interoperabilität dafür sorgt, dass diese Daten inhaltlich verstanden und interpretiert werden können.

„Wir müssen jetzt darüber sprechen, wie semantische Interoperabilität erreicht werden kann – ansonsten sind die zeitlichen Vorgaben aus Brüssel nicht zu erreichen.“

Annett Müller
Heißt, semantische Interoperabilität ist das Ziel, respektive kann die KI dabei helfen, automatisiert semantische Analysen zu fahren?
Richtig, KI hilft aktuell beispielsweise dabei, die Basis aus strukturierten Daten zu ergänzen, etwa um granulare patientenbezogene Gesundheitsdaten aus dem Clinical Data Repository, CDR, oder durch die Annotation von strukturierten Daten mit LOINC, dem internationalen Standard zur Kodierung von Laboruntersuchungen.
Ist Natural Language Processing das Fundament für diese Art der Analysen?
NLP ist der Standard, der sich in der Dokumentation durchsetzt, um menschliche Sprache, also unstrukturierte Daten, in strukturierte Daten umzuwandeln. Wir haben in der medizinischen Dokumentation nach wie vor viel Prosa und werden daran in absehbarer Zeit auch nichts verändern können. Zum Glück haben wir die technologischen Möglichkeiten, die dort vorhandenen Daten trotzdem zu strukturieren.

„Datenqualität ist das A und O. Wir haben in der medizinischen Dokumentation nach wie vor viel Prosa. NLP ist die KI-Wahl, die sich in der Dokumentation durchsetzt, um menschliche Sprache in strukturierte Daten umzuwandeln.“

Annett Müller
Ist es kapazitär überhaupt möglich, die komplette Dokumentation einer semantischen Analyse zu unterziehen?
Kapazitäten sind weniger das Problem. Es ist vielmehr die Frage, ob es sinnvoll ist. Und da lautet meine Antwort Nein – schlicht, weil es sich nicht um eine reine Versorgungsdokumentation handelt, sondern sie auch beispielsweise Standardfragebögen beinhaltet. Deswegen ist die Dokumententypindexierung als erster Schritt wichtig, um anschließend beispielsweise das Value Set der KDL-Dokumentation, also das standardisierte Klassifizierungssystem des DVDM, als Maßstab für jene Dokumente anzulegen, die in einem nächsten Schritt in die semantische Analyse gehen.
Und hier wird sehr deutlich, warum sie davon überzeugt sind, dass Outsourcing gerade für die Datensouveränität eine größere Rolle spielen wird. Die Gedanken, die man sich im Vorfeld für eine solide Datenbasis machen muss, sind komplex und erfordern vor allem Erfahrung. 

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Müller.

Annett Müller ist bei DMI in der Geschäftsentwicklung und seit über 25 Jahren als Medizinische Dokumentarin und Fachwirtin im Sozial- und Gesundheitswesen tätig. Seit 2013 liegen ihre beruflichen Schwerpunkte in der elektronischen Archivierung medizinischer Dokumentation und der strategischen Entwicklung innovativer Produkte. Sie ist darüber hinaus Vorstandsvorsitzende des Fachverbands für Dokumentation und Informationsmanagement in der Medizin (DVMD e. V.).

Bildnachweise: DMI GmbH & Co. KG

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